1816 Das Jahr ohne Sommer

Folgen eines Vulkanausbruchs

Die Menschen kannten den unmittelbaren Grund ihrer Not: 1816 schneite es auch in tieferen Lagen teilweise bis in den Juni, danach blieb es nass und kühl. Es war der kälteste Sommer seit 500 Jahren. Die tiefere Ursache wurde erst Jahrzehnte später erkannt: der grösste Vulkanausbruch der Menschheitsgeschichte am 10. April 1815 in Indonesien. Dabei wurde der obere Viertel des vorher 4000 Meter hohen Tambora auf der Insel Sumbaya weggesprengt. Während im Inselreich 100 000 Menschen den Tod durch Asche, Lava und Flutwellen fanden, verteilte sich eine riesige Menge Vulkangase und Schwefeldioxid in grosser Höhe als Gemisch aus festen und flüssigen Schwebeteilchen über den Erdball und absorbierte einen Teil des Sonnenlichts. Die Abkühlung traf im Jahr darauf Westeuropa und Nordamerika.

Zum 200. Jahrestag macht das Zürcher Oberland Tambora, Missernte und Hungerkrise zum Thema – und schafft so nach dem Gedenkjahr für Morgarten und Marignano einen anderen Zugang zur Geschichte. Es ist das erste grosse Projekt der Kulturkommission der Region Zürcher Oberland (RZO). Ausgangspunkt waren Anstrengungen, das Kulturerbe umfassend zu erfassen, wie Hans Thalmann sagt; der frühere Stadtpräsident von Uster ist Präsident des Vereins «Projekt 1816». Das Thema lagerte erst in einem «Ideenspeicher». Immer mehr Beteiligte hätten sich gewundert, wie wenig sie davon gehört hatten, erzählt Thalmann. Das habe nicht dagegen gesprochen, es aufzugreifen – im Gegenteil. Ursachen, Ausmass und Folgen der Hungerkrise 1816/17 sollen breiten Teilen der Bevölkerung vermittelt werden. Dabei schlägt man den Bogen in die Gegenwart zu den Fragen von Klima, Armut und Wirtschaft.

In der Tat blieb die Not vor 200 Jahren lange nahezu unerforscht. In jüngerer Zeit verfasste der Berner Historiker Daniel Krämer dazu eine Dissertation, an der Universität Zürich arbeitete Kaspar Kägi in einer Lizenziatsarbeit erstmals die Hungerkrise im Kanton Zürich wissenschaftlich auf. Diese einfach als Folge einer Naturkatastrophe zu sehen, das zeigen die Studien, greift zu kurz. Kägi kann zwar nachweisen, dass die Produktion von Getreide je nach Art 1816 um 9 bis 21 Prozent tiefer war als in anderen Jahren. Doch das reichte nicht aus, eine Hungersnot auszulösen.

Die Krise traf, wie Krämer nachwies, die Regionen sehr unterschiedlich. Am verletzlichsten waren Gebiete, in denen der Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft in Form verbreiteter Heimarbeit fortgeschritten war, vor allem die Ostschweiz und das Zürcher Oberland. Hier war die Bevölkerung überdurchschnittlich gewachsen und die landwirtschaftliche Produktion zurückgegangen. Die Abhängigkeit von Getreideimporten erwies sich in der Krise als fatal. Dazu konkurrenzierten mit der Aufhebung der Kontinentalsperre nach Napoleons Niederlage billige Textilien aus England die heimische Produktion. Die Menschen konnten das mehrfach teurere Getreide nicht mehr kaufen und hatten kein Land, um sich selber zu versorgen.

Schweiz am stärksten betroffen

Die Unterschiede zeigen sich auch klein räumig im Kanton Zürich, wie Kägi belegt. Das sich industrialisierende Oberland war von der Krise deutlich stärker betroffen als das stärker agrarisch geprägte Unterland. Der Ausbruch des Tambora war wohl der Auslöser, so das Fazit, die Krise war aber auch menschengemacht. Die Zürcher Obrigkeit hatte, später als die Westschweiz, angefangen, mit Getreidekäufen und anderen Massnahmen Gegensteuer zu geben. Obwohl die Menschen auf alle möglichen Arten von Ersatznahrung zurückgriffen und beinahe alles assen, was sie auf den Wiesen und im Wald fanden, kam es nicht zu Unruhen.

Warum aber blieb die Hungerkrise von 1816/17 wenig beachtet, obwohl unter ihr laut dem amerikanischen Historiker John D. Post kein Land stärker litt als die Schweiz? Sie störte das optimistische Bild des Fortschreitens aus den Wirren um 1800 zur nationalen Einigung, vermutet der Historiker Wolfgang Behringer. Die Menschen freuten sich nach den napoleonischen Kriegen auf eine Friedensdividende. Stattdessen folgte der «Krieg der Elemente», wie ein Zeitgenosse ernüchtert notierte.

Die Zeit war auch kein Ruhmesblatt für den 1815 gebildeten eidgenössischen Staatenbund. Indem die Kantone, unter Verstoss gegen den Vertrag, ihre Grenzen für Getreide schlossen, verschärften sie die Krise. Diese verhinderte anderseits nicht, dass wenige Jahre später in den am stärksten betroffenen Regionen die mechanisierte Textilindustrie rasch ihren Aufschwung nahm. Darüber ging die Not von 1816/17 bald vergessen.