{"id":78,"date":"2017-03-27T13:28:55","date_gmt":"2017-03-27T11:28:55","guid":{"rendered":"http:\/\/rietenberg.ch\/page\/?page_id=78"},"modified":"2017-03-27T13:28:55","modified_gmt":"2017-03-27T11:28:55","slug":"1816-das-jahr-ohne-sommer","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/rietenberg.ch\/?page_id=78","title":{"rendered":"1816 Das Jahr ohne Sommer"},"content":{"rendered":"<p><strong>Folgen eines Vulkanausbruchs<\/strong><\/p>\n<p>Die Menschen kannten den unmittelbaren Grund ihrer Not: 1816 schneite es auch in tieferen Lagen teilweise bis in den Juni, danach blieb es nass und k\u00fchl. Es war der k\u00e4lteste Sommer seit 500 Jahren. Die tiefere Ursache wurde erst Jahrzehnte sp\u00e4ter erkannt: der gr\u00f6sste Vulkanausbruch der Menschheitsgeschichte am 10. April 1815 in Indonesien. Dabei wurde der obere Viertel des vorher 4000 Meter hohen Tambora auf der Insel Sumbaya weggesprengt. W\u00e4hrend im Inselreich 100 000 Menschen den Tod durch Asche, Lava und Flutwellen fanden, verteilte sich eine riesige Menge Vulkangase und Schwefeldioxid in grosser H\u00f6he als Gemisch aus festen und fl\u00fcssigen Schwebeteilchen \u00fcber den Erdball und absorbierte einen Teil des Sonnenlichts. Die Abk\u00fchlung traf im Jahr darauf Westeuropa und Nordamerika.<\/p>\n<p>Zum 200. Jahrestag macht das Z\u00fcrcher Oberland Tambora, Missernte und Hungerkrise zum Thema \u2013 und schafft so nach dem Gedenkjahr f\u00fcr Morgarten und Marignano einen anderen Zugang zur Geschichte. Es ist das erste grosse Projekt der Kulturkommission der Region Z\u00fcrcher Oberland (RZO). Ausgangspunkt waren Anstrengungen, das Kulturerbe umfassend zu erfassen, wie Hans Thalmann sagt; der fr\u00fchere Stadtpr\u00e4sident von Uster ist Pr\u00e4sident des Vereins \u00abProjekt 1816\u00bb. Das Thema lagerte erst in einem \u00abIdeenspeicher\u00bb. Immer mehr Beteiligte h\u00e4tten sich gewundert, wie wenig sie davon geh\u00f6rt hatten, erz\u00e4hlt Thalmann. Das habe nicht dagegen gesprochen, es aufzugreifen \u2013 im Gegenteil. Ursachen, Ausmass und Folgen der Hungerkrise 1816\/17 sollen breiten Teilen der Bev\u00f6lkerung vermittelt werden. Dabei schl\u00e4gt man den Bogen in die Gegenwart zu den Fragen von Klima, Armut und Wirtschaft.<\/p>\n<p>In der Tat blieb die Not vor 200 Jahren lange nahezu unerforscht. In j\u00fcngerer Zeit verfasste der Berner Historiker Daniel Kr\u00e4mer dazu eine Dissertation, an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich arbeitete Kaspar K\u00e4gi in einer Lizenziatsarbeit erstmals die Hungerkrise im Kanton Z\u00fcrich wissenschaftlich auf. Diese einfach als Folge einer Naturkatastrophe zu sehen, das zeigen die Studien, greift zu kurz. K\u00e4gi kann zwar nachweisen, dass die Produktion von Getreide je nach Art 1816 um 9 bis 21 Prozent tiefer war als in anderen Jahren. Doch das reichte nicht aus, eine Hungersnot auszul\u00f6sen.<\/p>\n<p>Die Krise traf, wie Kr\u00e4mer nachwies, die Regionen sehr unterschiedlich. Am verletzlichsten waren Gebiete, in denen der Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft in Form verbreiteter Heimarbeit fortgeschritten war, vor allem die Ostschweiz und das Z\u00fcrcher Oberland. Hier war die Bev\u00f6lkerung \u00fcberdurchschnittlich gewachsen und die landwirtschaftliche Produktion zur\u00fcckgegangen. Die Abh\u00e4ngigkeit von Getreideimporten erwies sich in der Krise als fatal. Dazu konkurrenzierten mit der Aufhebung der Kontinentalsperre nach Napoleons Niederlage billige Textilien aus England die heimische Produktion. Die Menschen konnten das mehrfach teurere Getreide nicht mehr kaufen und hatten kein Land, um sich selber zu versorgen.<\/p>\n<p>Schweiz am st\u00e4rksten betroffen<\/p>\n<p>Die Unterschiede zeigen sich auch klein r\u00e4umig im Kanton Z\u00fcrich, wie K\u00e4gi belegt. Das sich industrialisierende Oberland war von der Krise deutlich st\u00e4rker betroffen als das st\u00e4rker agrarisch gepr\u00e4gte Unterland. Der Ausbruch des Tambora war wohl der Ausl\u00f6ser, so das Fazit, die Krise war aber auch menschengemacht. Die Z\u00fcrcher Obrigkeit hatte, sp\u00e4ter als die Westschweiz, angefangen, mit Getreidek\u00e4ufen und anderen Massnahmen Gegensteuer zu geben. Obwohl die Menschen auf alle m\u00f6glichen Arten von Ersatznahrung zur\u00fcckgriffen und beinahe alles assen, was sie auf den Wiesen und im Wald fanden, kam es nicht zu Unruhen.<\/p>\n<p>Warum aber blieb die Hungerkrise von 1816\/17 wenig beachtet, obwohl unter ihr laut dem amerikanischen Historiker John D. Post kein Land st\u00e4rker litt als die Schweiz? Sie st\u00f6rte das optimistische Bild des Fortschreitens aus den Wirren um 1800 zur nationalen Einigung, vermutet der Historiker Wolfgang Behringer. Die Menschen freuten sich nach den napoleonischen Kriegen auf eine Friedensdividende. Stattdessen folgte der \u00abKrieg der Elemente\u00bb, wie ein Zeitgenosse ern\u00fcchtert notierte.<\/p>\n<p>Die Zeit war auch kein Ruhmesblatt f\u00fcr den 1815 gebildeten eidgen\u00f6ssischen Staatenbund. Indem die Kantone, unter Verstoss gegen den Vertrag, ihre Grenzen f\u00fcr Getreide schlossen, versch\u00e4rften sie die Krise. Diese verhinderte anderseits nicht, dass wenige Jahre sp\u00e4ter in den am st\u00e4rksten betroffenen Regionen die mechanisierte Textilindustrie rasch ihren Aufschwung nahm. Dar\u00fcber ging die Not von 1816\/17 bald vergessen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Folgen eines Vulkanausbruchs Die Menschen kannten den unmittelbaren Grund ihrer Not: 1816 schneite es auch in tieferen Lagen teilweise bis in den Juni, danach blieb es nass und k\u00fchl. Es war der k\u00e4lteste Sommer seit 500 Jahren. Die tiefere Ursache wurde erst Jahrzehnte sp\u00e4ter erkannt: der gr\u00f6sste Vulkanausbruch der Menschheitsgeschichte am 10. 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